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Wieso ein Integrationskurs nicht nach Linz fahren kann

Ist es möglich, mit Lernenden aus einem Integrationskurs eine Erasmusreise zu unternehmen? Die ehrliche Antwort ist JEIN. Aber beginnen wir besser von vorne…

Am IIK Deutschland e.V. lernen viele Menschen Deutsch als Zweitsprache. Alle haben unterschiedliche Schicksale und Geschichten, aber eines eint sie alle: Sie möchten durch das Lernen der Sprache ein echter Teil der Kultur und Gemeinschaft in Deutschland werden. Besonders im Bereich der öffentlich geförderten Kurse sind viele Teilnehmende zu finden, die die EU als sogenannte benachteiligte Lernende kategorisiert: Sie haben Migrations- oder Fluchterfahrung, verminderte Teilhabechancen in Deutschland, weniger soziale Kontakte und eingeschränkte Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Eigentlich wäre es also eine super Idee, gerade mit diesen Teilnehmenden eine Gruppenmobilität zu unternehmen, um ihnen beim Spracherwerb und beim Ankommen in Deutschland zu helfen!

In der Praxis stoßen wir hier allerdings auf Schwierigkeiten. Der Integrationskurs lernt nach einem festen Plan, einfach so für eine Woche wegfahren passt nicht ins Zeitraster. Einige der Deutschlernenden haben aufgrund ihres Aufenthaltsstatus keine Reiseerlaubnis. Andere sind alleinerziehend mit kleinen Kindern oder haben Nebenjobs, um sich über Wasser zu halten, und keine Zeit. Und wieder andere haben einfach nur Respekt vor dem Angebot, das das IIK dem Integrationskurs im Januar erstmalig macht, weil sie noch nie mit einer Gruppe gereist sind.

Von diesen Schwierigkeiten lassen wir uns aber nicht aufhalten, wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben. Eine Lösung für den enge Zeitplan ist schnell gefunden: Ein langes Wochenende im Mai muss ausreichen. Auch die Lehrkräfte sind Feuer und Flamme für die Idee und bereiten die Teilnehmenden geduldig auf das Reiseprojekt vor: Es gibt viele Vorbereitungstreffen, Informationen über Österreich und die Reise, und allen wird klar: Die Teilnahme an der Reise ist freiwillig und an keine Bedingungen geknüpft. Und die lange Vorbereitungszeitzahlt sich auch: Schließlich melden sich mehr Interessierte, als es vorhandene Plätze gibt. Kurzerhand stockt Erasmuskoordinatorin Eva-Lisa Finzi das Budget für die Reise auf und der Integrationskurs kann jubeln: Alle 16 Reisewilligen bekommen einen Platz auf der Reise nach Linz!

Ankunft am Bahnhof in Linz

Ankunft am Bahnhof

in Linz

(Anmerkung: Trotz Kontaktaufnahme mit der Ausländerbehörde in Düsseldorf bzw. Neuss konnten zwei Teilnehmende aufgrund der fehlenden Reiseerlaubnis nicht mitfahren. Wir wünschen uns im Sinne der Gleichberechtigung eine dauerhafte Lösung, damit zukünftig alle Lernenden teilnehmen können, aber bislang ist hier keine Lösung in Sicht.)

Leider ist das Wetter in Linz an diesem Mai-Wochenende eher trüb und kalt, aber davon lässt sich der Integrationskurs die Stimmung nicht verderben. Unter der Anleitung von Fortbildnerin Angelika Güttl-Strahlhofer und mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Lehrerinnen Krystyna und Jasna entdecken die Teilnehmenden die Region Oberösterreich und die sprachliche Vielfalt des deutschen Nachbarlands. Nachhaltiges Reisen ist das obere Ziel dieser Mobilität, deswegen sind nicht nur alle mit dem Zug unterwegs, sondern nutzen auch vor Ort die öffentlichen Verkehrsmittel, trennen fleißig ihren Müll und produzieren gleichzeitig auch noch Erklärvideos zum nachhalten Tourismus, wie in diesem Beispiel von Sowmiya, Yalda und Aishwarya.

Die Stadt Linz überzeugt auch in ganzer Breite. Obwohl sie zu den touristisch weniger beliebten Orten in Österreich zählt, bieten Besichtigungen und eine Stadtführung jede Menge wissenswerte Information über die spannende Geschichte der Stadt. Die ars electronica überraschte mit ihren digitalen Kunstwerken und die Fahrt mit der „Bimmelbahn“ durch das verregnete Städtchen an der Donau sorgte für viel Spaß und unvergessliche Erlebnisse.

Doch die eigentliche Bedeutung dieser Reise lässt sich weder in Fotos noch in Videos festhalten. Sie zeigt sich in den kleinen Momenten: wenn Menschen, die vor wenigen Monaten noch unsicher waren, plötzlich selbstständig Fahrkarten kaufen, in einem Café bestellen oder einer Stadtführung auf Deutsch folgen und wenn aus Kurskolleginnen und Kurskollegen eine Gemeinschaft wird. Für einige Teilnehmende war die Reise nach Linz die erste tourismusähnliche intereuropäische Reise ihres Lebens, für manche die erste Reise seit ihrer Flucht nach Deutschland. Sie haben erfahren, dass Europa nicht nur ein politisches Projekt ist, sondern ein gemeinsamer Lebensraum, in dem Menschen voneinander lernen, sich begegnen und Grenzen überwinden können.

Erasmus+ wird oft mit Studierenden oder Auszubildenden verbunden. Doch unsere Mobilität hat gezeigt, dass die europäischen Werte von Chancengleichheit, Inklusion, Vielfalt und lebenslangem Lernen auch für Menschen gelten müssen, die ihren Weg in Europa gerade erst beginnen. Gerade sie profitieren von solchen Erfahrungen vielleicht sogar am meisten. Als der Zug am Sonntagabend wieder in Düsseldorf einrollt, endet die Reise nach Linz. Für viele der Teilnehmenden beginnt an diesem Punkt jedoch etwas Neues: mehr Mut, mehr Selbstvertrauen, mehr sprachliche Sicherheit und die Erkenntnis, dass sie nicht nur in Deutschland leben, sondern Teil einer europäischen Gemeinschaft sind. Und genau deshalb hat sich jeder Kilometer dieser Reise gelohnt.